Adolph Menzel: Autobiographische Notiz.1865, ergänzt 18721

Ich bin geb. zu Breslau am 8ten December 1815. Zur Zeit meiner frühesten Kindheit war mein Vater Vorsteher einer Mädchenschule, welchen Beruf er nachmals aufgab, um eine litographische Anstalt zu begründen. In der Umgebung und den Erlebnissen des Kindheitsstadiums der Litographie wuchs ich auf.

Mein Kunsttrieb, obwohl er bereits in dem Alter erwachte, da ich ein Stück Kreide fassen konnte, erwarb mir doch zunächst nicht die Hinleitung zur Künstlerlaufbahn. Vielmehr hatte neben strengem Schulbesuch einiger Privatunterricht lediglich Bezug auf künftigen wissenschaftlichen Lebensberuf. In dem was mein Leben eigentlich erfüllte, gänzlich mir selbst überlassen, begann ich da schon jenes autodidaktische Treiben, das mich auch für die Folgezeit beim Studium ohne Meister beharren ließ, und wofür die Sprache bis jetzt nur das runde Wort Naturalismus hat.

Vereinzelte Versuche dies zu ändern blieben erfolglos. Statt dessen sah ich mich auf der gewohnten Bahn schon weiter getrieben, und zwar durch die Schulstunde in Geschichte; sie begeisterte mich zu den ersten Kompositionen aus römischer, mittelalterlicher, auch neuster Historie, alles sehr ernst gemeint, und genau mit Bleistift ausgeführt. Mein Vater endlich überzeugt daß das Kunstinteresse das mich alleinbeherrschende sei, siedelte nun, wesentlich um für mich eine andere Ausbildungssphäre zu gewinnen im Frühjahr 1830 nach Berlin über.

Hier jedoch dasselbe Gebahren, freilich noch gesteigert unter den für mich überwältigenden reichern Eindrücken. Der ursprünglich beabsichtigte Besuch der Akademie in's Unbestimmte vertagt, aber halbe Tage vor den öffentlichen Monumenten, den Schaufenstern der Kunsthandlungen, den Antiken verbracht, dann nach Hause zu eigenen hochfliegenden Allegorien aus Götter u. Heldenwelt. Die besondere Erwähnung meiner jetzt gleichzeitigen Hülfsthätigkeit bei meines Vaters litographischen Arbeiten würde als bloße Geschäftssache nicht hieher gehören, hätte dieselbe nicht für mich die weitere Bedeutung gehabt daß ich durch sie unvermerkt der litographischen Kreide und Feder mächtig wurde, deren mir leicht gewordene Handhabung mich in der Folge bei vielen meiner für die Veröffentlichung bestimmten Arbeiten der Zwischenkunft einer reproducierenden fremden Hand überhob.

Jetzt sechzehnjährig durch den schnellen Tod des Vaters gänzlich auf mich selbst gestellt gab ich gleichwohl, bei zwar ungleich ausgedehnterer Geschäftstätigkeit nichts von meinen Zielen und Träumen auf, war der Tag zu kurz, so half die Nacht.

Und so trat ich gegen die Weihnachtszeit 1833 mit meiner ersten künstlerischen Production in die Öffentlichkeit, es war dies ein Heft lithograph. Federzeichnungen „Künstlers Erdenwallen" genannt. Den Stoff hatte der Verleger L. Sachse (wahrscheinlich dem Goethe'schen Drama entlehnt) angegeben. Gegenüber dem, was ich Größeres und Schwereres im Hinterhalt hatte, war diese Arbeit nur eine Fühlung, aber für mich von aufmunterndstem Erfolg: einstimmige Aufnahme in die Künstlerschaft – ich war in mein Element gelangt! und das Erhebendste mußte mir das auszeichnende Verhalten des alten Direktors Schadow, des Bildhauers, sein; dieser, (bei der Schonungslosigkeit seiner Urtheilsweise von den Kunstjüngern hoch gefürchtet), widmete aus eigner Bewegung, ohne mich persönlich zu kennen, meinem Opus ein vielsagendes öffentliches Wort. Bis hieher, wo von der entscheidendsten Lebensperiode, dem Festsetzen in der Berufstellung zu handeln war, erachtete ich einige Umständlichkeit für erforderlich, wogegen es von jetzt ab genügen dürfte, die Resultate meiner Fachthätigkeit innerhalb der letzten 33 Jahre kurz aufzuführen.

Zu klarerer Übersicht mögen hier die cyklischen Werke, deren Entstehung sich meist durch Jahre hindurchzieht und vielfache Einzelwerke constant zur Seite begleitete gesondert stehen.

In unmittelbarer Folge nach dem vorgenannten Heft erschienen in demselben Verlage (L. Sachse u. Co. Berlin) in den Jahren 1834 – 36. „Denkwürdigkeiten aus der Brandenburgisch-Preuß. Geschichte."     12 Blatt Querfolio, selbst auf Stein gezeichnet, enthält die Hauptmomente der Vaterlandsgeschichte von der Wendenzeit bis 1815.

In 1835 fällt ein erneuerter Anlauf zur Oelmalerei, da ich mich auch hierbei keiner Leitung untergab, unter schwerer Mühseligkeit. Erst 1837 mein drittes Bild, ein kleines, eine Advocaten-Konsultation hatte Erfolg, und zwar den für mich ehrenvollen, daß später ein berühmter Kunstgenosse, der noch lebende Prof. Ed. Magnus dasselbe dem Besitzer für bedeutend erhöhten Preis abkaufte. Von Oelbildern dieser Periode sei noch erwähnt: Ein Gerichtstag – 2 Missethäter vor die Leiche geführt.

1838 – 39 (In neuester Zeit aus dem Nachlasse des Besitzers in die Hände der Kunsthandlung von Lepke übergegangen.) Noch gehören in die Zeit bis 1839 mancherlei leichtere Arbeiten, wie namentlich ornamentale, sogenannt phantastische Federzeichnungen; „Die fünf Sinne" das „Vater unser" – die Gewerks-Diplome der Zimmerleute, der Maurer, das Schützendiplom des damaligen Offiziervereins und dergl.

1839 – 42 beschäftigten mich die 400 Holzschnittcompositionen zu Kugler's Geschichte Friedrichs d. Großen. („Friedrichbuch") In Holzschnitten theils in Berlin von den Brüdern Otto und Albert Vogel und Unzelmann, theils in Leipzig von Kretzschmar, Georgy, Ritschl, Beneworth u. a. Anfänglich war vom Verleger auch eine Pariser Anstalt zum Schnitt herangezogen worden, dieselbe erwies sich jedoch in Rücksicht auf Genauigkeit, auf die es mir vor Allem ankam, zu unzuverlässig.

1842 – 57 „Die Armee Friedrichs d. Großen in ihrer Uniformierung"       3 Bände Folio, ausgemalte, lithogr. Federzeichnungen, nur vorhanden in 30 Exemplaren. Die Betrachtung, daß die jetzt noch vorhandene Anzahl Originaluniformen, Armaturstücke und sonstige Forschungsquellen, Zeitdokumente etc. früher oder später dem Zahn der Zeit zum Opfer fallen dürften und dadurch im Hauptmaterial für die bildende Kunst unwiederbringlich verloren gehn, ließ mich die langwierige Mühsal nicht scheuen und zu Ende führen.

1843 ein Heft „Radirversuche" in Kupfer, 6 Blatt, ersch. bei L. Sachse, Berlin.

1846 „Störung" Oelbild

1847 Gustav Adolph empfängt seine Gemahlin, die zu ihm nach Deutschland gereist kam, im Schlosse zu Hanau. Oelbild.

1843 – 49 Die 200 Holzschnittzeichnungen für die neue Prachtausgabe der ,,Werke König Friedrich d. Großen", veranstaltet auf Befehl König Friedr. Wilh. IV geschn. in Holz in Berlin von Otto Vogel (gest. 1851) Albert Vogel, Unzelmann (gest. 1854) und Hermann Müller, des letzteren Schüler. Sie Alle haben bei dieser langen Arbeit in Gehorsam gegen die Striche meiner Zeichnungen (Facsimileschnitt) das Höchste geleistet.

1846 – 49 „Die Soldaten Friedrichs d. Gr." 32 Holzschnitte zu dem populären Buche über die alte preuß. Armee von Lange.

Für den Kunstverein für Kurhessen 1847 – 48. Der Einzug der Herzogin Sophie von Brabant mit ihrem Söhnchen Heinrich zu Marburg 1247. Karton 18' lang, 10' hoch.

1849. Ein Spatzierritt Friedrichs d. Gr. Oelbild.

1847 – 60 fallen zahlreiche Handzeichnungen in farbiger Kreide.

1850 Friedrichs d. Großen Tafelrunde auf Sanssousi 1750. Oelbild. (Gallerie der Kunstfreunde im preuß. Staate) in erster Ausgabe gest. von Friedrich Werner, in zweiter gest. von Habelmann.

1850 – 55 „Aus König Friedrichs Zeit." 12 größere Holzschnitte Portraits (halbe Figuren) seiner Kriegshelden. Bei Alexander Duncker, Berlin. Geschnitten zu Leipzig bei Kretzschmar, von Saalborn, Klarehn Schuseil, Klitsch u. A.

1851 Ein Heft „ Versuche auf Stein mit Pinsel und Schabeisen" (6 Blatt kleinere Kompositionen). Shakespeare (halbe Figur) auf Holz gez., geschnitten v. Unzelmann. Beglückwünschungsadresse des Magistrats von Berlin an den Kronprinzen zu dessen Volljährigkeit. Großes ornamentales Aquarellblatt.

1852 Abendconcert auf Sanssouci 1750. Oelbild.                       Gallerie v. Jakobs in Potsdam.

1851 Christus als Knabe im Tempel, Transparentbild 12' lang, 9' hoch. Entstanden auf Anlaß der Weihnachts-Soireen, welche die Berliner Künstlerschaft alljährlich zu wohlthätigem Zweck im Königl. Akademiegebäude veranstaltet.

1852. Dieselbe Komposition mit Pinsel und Schabeisen auf Stein ausgeführt in Querfolio und herausgegeben.

1853 Christus die Wechsler aus dem Tempel treibend. Transparentbild gleichfalls für die vorgenannten Weihnachtssoireen und in selben Maaßstab gemalt.

1854 Friedrich d. Gr. auf der Reise. Oelbild. Gallerie Ravene. Festalbum, 12 groß Aquarell-Blätter in kostbarem Metallgehäuse, ausgeführt im Auftrage des diesseitigen Hofes zum Geburtstagangebinde der hochsel. Kaiserin von Rußland.

1855 Friedrich d. Große bei der Huldigung zu Breslauim J. 1741.         Im Auftrage des Schlesischen Kunstvereins für dessen Gallerte gemalt. Die beiden überlebensgroßen Figuren der Deutschordenshochmeister: Siegfried von Feuchtwangen und Herzog Ludger von Braunschweig, fresco gemalt im Remter des Schlosses zu Marienburg.

1856 Friedrich der Große und die Seinen im Nachtkampf zu Hochkirch 1758. Oelbild 12' lang, 10' hoch, im Königl. Schloße zu Berlin.

1857 Im Auftrage der Verbindung für historische Kunst: Erste Begegnung Friedrich's des Großen mit Kaiser Joseph II. auf der Treppe des Schlosses zu Neisse, 10' lang, 8' hoch, gegenwärtig im Großherzl. Schlosse zu Weimar. Für die mehrgenannten Weihnachts-Soireen in der K Akademie: Die erste Familie — Adam u. Eva, transparent gemalt, gleichfalls 12' hoch, 9' breit.

1858 König Friedrich Wilhelm I. (Vater Friedrich's des Großen) eine Volksschule besuchend. Karton Zeichnung in Kohle. Zusammentreffen Blüchers und Wellingtons am Abend der Schlacht von Waterloo. Oelbild gemalt im Auftrag für die „Gedenkhalle", im Palais des Kron-prinzen

In 1859 fällt Beginn neuer größerer Bilder aus dem Leben Friedrichs, nach Stoffen vor und nach dessen Schlacht bei Leuthen, dieselben jedoch unterbrochen durch:

1860 Die Kahlbaum'sche Sammlung Gouache-Bilder, 9 Blatt, darunter 4 geschichtliche aus der Periode, da Friedrich der Große als Kronprinz zu Rheinsberg lebte.

1861—65 Die Krönung König Wilhelms I. von Preußen zu Königsberg in der Schloßkirche 18. Oct. 1861. Oelbild 14' lang, 11' hoch.               Im Auftrag des Königs gemalt.

[Nach dem Hinweis im nun folgenden Abschnitt erst von hier an eigenhändig]

Adolph Friedrich Erdmann Menzel Königl. Professor u. ord. Mitglied der Akademie d. K Abschrift meines Curriculi, das ich für Brockhaus's Lexikons-Artikel auf dessen Anverlangen aufgeschrieben habe. Adolph Menzel.

In Nachstehendem fortgesetzt bis Ende 1872. Fortsetzung.

Mitte Dezember 1865 fällt die Beendigung des vorgenannten Krönungsbildes. Auch im Sommer eine Reiseerinnerung aus Kösen an d. Saale: Badende Knaben (Gouache).Das Jahr 1866 und großentheils auch 67 füllen nur Studien und Bilder in Gouache.

Davon zu nennen: 1866 Die „Alt-Neue Synagoge" zu Prag (Interieur). Reisestudien. Berlinisches Straßenleben in der Weihnachtszeit. Der „Neue Schifffahrtskanal" bei Berlin. Das Gedenkblatt für den Magistrat Berlins zur Beglückwünschung S. M. des Königs bei der Rückkehr aus dem Feldzuge.

1867 Ballgesellschaft (Erinnerung) Alter Mann ein Schmuckkästchen öffnend. (Costum 16ten Jahrhunderts) Geharnischter als Blindekuh. Mit dem Spätjahr 1867 beginnt eine Reihe im Maaßstab kleiner aber figurenreicher Oelbilder. Zuerst ist zu nennen: Sonntag im Tuilerien-Garten. Gallerie Fritz-Meyer.

1868 Missions-Gottesdienst in den „Buchenhallen" bei Bad Kösen. Gallerie Albert-Arons. Gouachebilder „Comfort chinois".

1869 Wochentag in den Straßen von Paris. Gallerie Strousberg.
Der alte Elephant im Jardin des plantes Gallerie Behrens zu Hamburg.
Allegorisches Gedenkblatt für das 50jähr. Jubiläum des Geh. Commerz-Raths Heckmann. Im Auftrag der Familie ausgeführt.

1870 Tanzpause (Erinnerung von Hofbällen)                                     Gallerie John Meyer zu Dresden.

1871 
Oelbilder.                                                                                   Die Linden Berlins am Nachmittag des 31tenJuli 1870. Abreise Sr.  Maj: des Königs zu Felde.Gallerie Magnus-Hermann.

Der „Esterhazy-Keller zu Wien, Reiseerinnerung.

Gouache 1871—72. Die beiden Ehrenbürger-Ernennungs-Urkunden der Stadt Berlin für den Fürsten Bismark und den Feldmarschall Grafen Moltke.
Der Hochaltar in der Benediktiner Kloster-Kirche zu Salzburg. Der Hochaltar in der Pfarrkirche zu Innsbruck. Reisestudien, gleichfalls Gouache. Gallerie Magnus-Hermann.
Verstörtes Mahl (Gleichfalls Gouache.

Berlin 12 Dec: 1872. Adolph Menzel.

1 Im Oktober 1878 Menzel schickte diese Schrift an den Münchner Kunstkritiker Friedrich Pecht (Konstanz 1814-1903 München) – jener hatte offenbar im September davor vom Künstler solche autobiographischen Hinweise für ein geplantes Buch erbeten. Pecht wollte unter elf monographischen Aufsätzen über deutsche Künstler auch Menzel behandeln und gab dessen Text dann in seiner Publikation weitgehend wieder. Menzel schrieb ihm dazu anfangs (6./9.10.1878): 

„[…] Mit allem Dank voraus für Ihr aufmerksames Vorhaben in betreff meiner künstlerischen Person kann ich Ihnen nun als Beihilfe meinerseits durch Ueberlieferung Thatsachenmaterials nur in Abschrift offeriren; was ich auf Anverlangen Brockhaus’s für sein Lexicon behufs eines neuen Artikels vor 12 oder 13 Jahren über mein Leben und Arbeiten aufgeschrieben. Was ersteres angeht so ist dasselbe in seinem Verlauf wie ich zeither immer öfter zu merken bekomme so reichlich bekannt daß ich nochmaliges Erörtern selbst im Interesse des LesersKunst-Seelen-Forschers nicht mehr für wünschenswerth erachten kann, geschweige des Leserpubliki überhaupt. Es mangelt eben alles was eine Künstlerbiographie schmälzt. Da sind keine Lehr- keine Wanderjahre, nicht‘mal eine Anekdote zu verzeichnen.
Zustände damaliger Zeit und persönliche Verhältnisse haben es [gestrichen: nicht zustande kommen lassen verursacht, daß ich [gestrichen: eines regulärer Schulung nicht theilhaft wurde, daß auch ein paar vereinzelte Anläufe hiezu keinen Bestand hatten und auch sonst erfolglos blieben. Der letzte Solche [sic] und zwar Bedeutendste fällt ins Jahr 1833: ein circa halbjähriger aber auch höchst lückenhafter Besuch der Gÿpszeichnen-Klasse in der Berl: Akademie. Späterhin wurde mir denn freilich dieses mein sogen: „Wildgewachsensein“ noch für großes Glück angerechnet. Ich theile diese Ansicht nicht, ich weiß am besten was das mich gekostet. -
Um endlich wieder zur Sache zu kommen so lasse ich gegenwärtig von obigem Verzeichniß eine Abschrift für Sie anfertigen. Dasselbe soll, beginnend vom Herbst 1833, dem Zeitpunkt wo ich das Heft litogr: Federzeichnungen benannt „Künstlers Erdenwallen“ arbeitete (mein erstes Produkt eigener Komposition das öffentlich erschien) fortlaufen bis zur Stunde. […] In einigen Tagen folgt das Verzeichniß.
“                                                                                                       

Menzel erklärte, warum er keine weiteren Memoiren verfassen wolle, aktualisierte aber das Werkverzeichnis für Pecht die erste Niederschrift der autobiographischen Notiz von 1865 war, nach einem Abdruck 1924 zu urteilen, bereits im Dezember 1872 durch eine Liste der bis dahin entstandenen Werke erweitert worden. Das Manuskript  befand sich 1924 im Märkischen Museum Berlin (heute nicht mehr nachweisbar, vgl. Lammel 1995, S. 103). Wohl im Dezember 1878 schickte Menzel an Pecht schließlich das versprochene Werkverzeichnis, wie man einem weiteren Brief entnehmen kann (9.12.1878). Nun er erläuterte doch noch etwas zu seiner künstlerischen Tätigkeit, da Pecht offenbar einiges genauer erfragt hatte: 

[…] Endlich folgt nun hiebei [gestrichen: das abschriftlich das Verzeichniß {es ist jetzt in Ihren Händen?} von mir bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt ergänzt. Weniger zum Zweck einer fortlaufenden Wiedergabe, als vielmehr um als Anhalt für etwaige Berichtigungen dienen zu können, wo einzelnes Thatsächliches zu erwähnen nicht umgangen werden kann, habe ich doch das hier voranstehende Curriculum mit abschreiben lassen. Sie berühren in diesen Ihren Briefen einige Punkte, auf die ich im Hinblick auf Ihre unterhabende Arbeit näher eingehen muß.
Was zunächst den „selten unabhängigen Geist“ betrifft - so unabhängig ist jeder Vogel auch, der hat auch nun einmal nur Stimme für die und die gewissen Tonverbindungen und keine anderen.
Das „Gott helfe mir ich kann nicht anders!“ kommt hundertmal öfter im Kleinen als im Großen vor, (und ich habe es mehr als einmal sagen müssen).
Und daß ein Mensch, schon nichts anderes als harte Zeiten {s. erstes Drittel des Jahrhunderts.} kennend, wenig über das Knabenalter hinaus mit seinem Wohl und Weh lediglich auf sich selbst gestellt kein wählerisches Nein im Munde führen darf, im Gegentheil sich anzustellen hat als heiße er heute in einem Musikalientitel morgen in irgend einer Rechnungsvignette eine künstlerische Aufgabe willkommen liegt auf der Hand. Zur Jugend lautets‘ ohnehin immer, was Du thust, thue so gut Du immer kannst, Du weißt nicht wozu es Dir gut. Und anderemale: Zwinge Dich, was Du kannst. So sind jahrelang Kuchen ins Wasser geworfen worden, und mußtens‘ noch lange Jahre werden. Auch als ich längst aus dem Dunkel [gestrichen:
heit] heraus in den Wettern der Oeffentlichkeit watete. Denn solcher Solist, der keines Meisters Leitung, keines Hochmögenden Protection etwas verdanken wollte - habe er sich auch Werthschätzung, wieviel immer erworben, wird doch nur sehr saumselig gefördert, halb widerwillig. (Wie ich mich grundsätzlich nie um etwas beworben so bin ich auch nie irgend womit oder nie weder vom Staate noch von Privatseiten unterstützt worden). Jener frühe kategor: Imperativ hat aber auch noch meine Spätzeit beeinflußt; daher das Vielerlei. Was Manchen befremden könnte.
[…] Nun zur dritten Frage: An was oder wem es lag daß ich 66 und 70 nicht ausgemalt? Das lag an allem zusammen. Schon vorweg an persönlichen Ursachen: [zwei Wörter geschwärzt] [etwas gestrichen] so kurzsichtig zu sein wie ich, dazu kein Reiter, selbst mit Wehr und Waffen nicht bescheidwissend - das ist im Felde verhängnißvoll. Aber wenn schon in der Kunst zu Allem was man sich vornimmt irgendwelches Wirklichkeitsstudium u. Anschauung conditio ist, dann doch nicht weniger da die naive Vermessenheit mit der ich vor etlichen 20 Jahren an meinen „Hochkirch“ ging - ohne ein Mannöver gesehen zu haben! - - die würde ich doch heute nicht wiederholen. Dieß Bild, das Sie so hoch stellen ! Heut schäme ich mich seiner. Nicht durchweg des Bildes, aber des Unternehmens. Ferner ist keine Vocation an mich ergangen, die ich auch abgelehnt hätte. Der Bedarf ist für das patriotische Bedürfniß von anderen Seiten gedeckt worden; und über das Alles: muß [letzteres Wort unterstrichen] denn der Gräuel gemalt werden?!? Ich habe anno 66 (post festum) einen Ausflug nach Böhmen gemacht! ----- […].“

(LITERATURNACHWEISE: Gisold Lammel: Adolph Menzel. Schriften und Aufzeichnungen, Münster/Hamburg 1995, S. 57-64; Anm. S. 103. # Friedrich Pecht: Deutsche Künstler des neunzehnten Jahrhunderts. Studien und Erinnerungen. Zweite Reihe, Nördlingen 1879, S. 309-311; zweite, aktualisierte Auflage 1887, S. 327-363 # Otto Pniower: Eine Autobiographie Adolph Menzels. In: Kunst und Künstler, 22. Jahrgang, 1924, S. 127-130. [Der Literaturwissenschaftler Otto Pniower (Gleiwitz 1859-1932 Berlin) war 1918-1924 Leiter des Märkischen Museums in Berlin.] Sowie: Adolph Menzel. Briefe, herausgegeben und bearbeitet von Kerstin Bütow, Claude Keisch, Brita Reichert u.a., Berlin 2009, Band 2, S. 755-756, Nr. 992, S. 757-758, Nr. 997.                                                                        Menzels autobiographische Notiz ist hier wiedergegeben nach dem Abdruck bei: Pniower 1924. Vgl. http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1924/0138 [27.2.2015].)