Adolph Menzel: Zum "Vater Unser". Geschrieben 18381 

 


 Auseinandersetzung meiner Intentionen in der bewussten  Zeichnung.

 ich brauche wohl nicht anzumerken, daß ich hiemit zugleich alles  andeuten wollte, was ich dabei gedacht habe. 

 Hauptabsicht, der Versuch den bis jetzt nur von der positiven Seite  aufgefassten Gegenstand zugleich von der negativen zu behandeln. –  Die erste Hälfte des Gebets beschäftigt sich (meiner Ansicht nach)  allein mit dem Verhältnis der Menschheit zur Gottheit, die zweite  mit dem den Menschen, als Menschen zu nächst Angehenden. Im  ersten Theil liegt die Hinneigung seines Wesens in Gott,                    im zweiten sein Trost.                                                              

 Form: Die Fundamente der Darstellungen stellen:              Schlüsselblume und Passionsblume in Arabeske vor, von Ferne  gesehen, besteht das ganze Ding aus drei Stücken, 

 der Herzform:                                                                            Engel-Chorus, Schlußstein Christus und. die Apostel,                      die Einfalt segnend,  dem Fehlenden verzeihend.                              (Vater vergieb ihnen, sie wissen nicht was sie thun!) 

 der Kreuzform:                                                                            Geheiligt werde Dein Name. Genügen des innern religiosen Dranges  in der Schöpfung zur Urheber. Uebergang zum Gottesdienst.  Ausartung in Fanatismus ad majorem dei honorem.                  (Paulus herabblickend in das quasi Bild seines eignen Lebens.)            Dein Reich komme! Resultat des Vorigen: Verfolgungsgeist.  aufgezwungene Ueberzeugung. Zelot. Sein wurmfrässiges  Fundament. Paul Egede unter den Grönländern. Verfolgungswuth,  Brustwehr des geistigen defects, nothwendiger Umschwung.              Dein Wille geschehe. Huss, Repräsentant der Vorbereiter des          Bodens für die Reformation, aus Unreife des Zeitalters nur    theilweise Fähigkeit, den Gährungsstoff aufzunehmen. Martyrium.    (in 100 Jahren kann ein Schwan u.s.w.) Luther vor Cajetan.        Beides Organe eines höhern Willens. (Einfachheitswegen musste      mir dies die Stelle des Wormser Reichstages vertreten, weil dies  nicht hier anwendbar war.) 

 und der Ankerform:                                                                  Unser täglich Brod gieb uns heute! Beglückende Natur,    Zerknickendes Schicksal. Segen, von oben, gegeben, – genommen.  Vergieb uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben                      unsern Schuldigern. Sündopfer, (Ablaßwesen).                                  Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Führe uns nicht    in Versuchung, der Verzweiflung verfallen, daß sie unser Auge mit  unserm Elend umneble, bis wir den Blick zur rettenden Vorsehung  verlöhren.                                                                                Erlöse uns vom Uebel! (hier konnte nur angedeutet werden:)        von den Wirkungen der Irrwege, auf welche zu gerathen der  menschliche Geist fähig ist. Aus den Kreisen der Vernunft getreten,  durchläuft er die Stadien des Unglaubens zur Hoffnungslosigkeit,        von der Hoffnungslosigkeit zur Verzweiflung, der Endpunkt ist der  Wahnsinn.                                                                                      –– –– ––––                                                                                        Dein ist das Reich, die Kraft u.s.w. Liebe durchdringt und  umschlingt Alles, ihr weicht Alles (infernales) sie kommt von Oben,  in uns wirkt sie den Glauben, der Glaube die Hoffnung.

ich muss es Ihrer höhern Einsicht überlassen, Herr Hofrath, ob Sie es der Mühe werth halten, aus diesem Gerippe ein Präparat zu formen. Mit mehr Ausführlichkeit wollt' ich Sie nicht ermüden,                  und besser wärs so auch nicht geworden.                                         Indem ich also um gütige Nachsicht bitte, bin ich 

hochachtungsvoll der Ihrige Adolph Menzel. 

1 Der 22jährige Menzel gab hier eine kurze Erklärung zu einem seiner frühen bedeutenden druckgraphischen Blätter ab; zu einer spätestens September 1837 fertiggestellten Lithographie, betitelt „VATER UNSER. ORAISON DOMINICALE.“ Sie wurde als Auftrag des Kunsthändlers Louis Sachse (1798-1877) in Berlin von diesem wohl Ende 1837/Anfang 1838 herausgegeben (Federlithographie, Zustände mit und ohne gelblichgraue Tonplatte, Größe 58,0 x 44,4 cm, mit querovalem Trockenstempel Sachses, unten links bezeichnet in der Darstellung: A.M. [Monogramm, ligiert] # und unten rechts: Adolph Menzel / inv: & fec: / 1837. # unten rechts beschriftet: Druck u. Verlag v. L. Sachse & Co. Berlin. # Lithostein im Besitz des Stadtmuseums Berlin). Angeblich war Menzels erläuterndes Schreiben vom 24.3.1838 an einen Kunstschriftsteller, an den seit 1824 pensionierten Hofrat Wilhelm Dorow (1790-1846) gerichtet. Der junge Künstler sprach sich über fast alle Fürbitten des Gebets „Vater Unser“ aus; er endete mit Glaube, Hoffnung und Liebe, den drei göttlichen Tugenden, die Anker, Kreuz und Herz auf der Darstellung verbildlichen. Nach Menzels Formulierung „aus diesem Gerippe“ lässt sich die gesamte Bildkomposition womöglich sogar als menschlicher Schädel ansehen.

Das „Vater Unser“ wurde zusammen mit einer poetisch gefassten Druckschrift veröffentlicht, die von dem aus Schwaben stammenden Archäologen Adolf Schöll (1805-1882) stammte, der bis 1839 u.a. in Berlin weilte und Menzel freundschaftlich verbunden war. Auch Schöll arbeitete in Sachses Auftrag, da der Kunsthändler erkannt hatte, dass die figuren-, szenen- und anspielungsreiche Bilderfindung sich nicht selbst zu erklären vermochte, weil sie gedanklich viel zu überlastet war und daher der Erläuterung dringend bedurfte. Anders als Schöll hatte Menzel positive und negative Seiten an Glaube und Religion zeigen wollen; hatte versucht – wie seine nachträglich entstandene Niederschrift bekräftigte – reales Geschehen und ideale Gedanken in harmonischen Einklang zu bringen. 

Vom Entstehen der Lithographie und des Textes berichtete Menzel nur einmal kurz im Dezember 1837, als 72jähriger blickte er erneut auf das Geschehen zurück, bei dem er sich als jugendlich-schwärmerischen, romantischen Künstler beschrieb: „ […] Das Blatt an sich ist 50 Jahre alt (de anno 1837) aus dem Kunsthandel längst verschwunden. Es tauchen wohl gelegentlich in Versteigerungen einzelne Drucke u. dergl: von meinen damaligen Jugendarbeiten als Seltenheiten auf — das ist aber reiner Zufall. Unter meinen eigenen antiquirten Resten von habe ich es bis jetzt nicht aufgefunden. […] Beiläufig zu bemerken: es ist übrigens die Entstehung eine andere gewesen. Der verstorbene Hofkunsthändler Sachse (der Vater) hatte von mir für seinen Verlag ein solches Blatt gewünscht. Der Gegenstand war mir überlassen. Ich, ein tugendhafter Jüngling, also für ethische Stoffe schwärmend, wählte mir das Vaterunser, — zu einer Art bildnerischer Paraphrase. Die Composition gerieth aber derartig vielgliedrig, daß der Verleger für die Verständlichkeit beim Publikum zu fürchten begann, und sich an […] meinen lieben Jugendfreund wandte um eine poetische Interpretation, die dem Blatt beigegeben wurde. So entstand diese Dichtung als ein Commentar. […]“ (An Johanna Schöll, 24. Juli 1887.) 

1905 wurde Menzels vierseitiges Schriftstück zweimal als Faksimile veröffentlicht, und zwar vom kunstsinnigen Berliner Pfarrer Julius Kurth (1870-1949) und in der Zeitschrift „Der Reichsbote“ (das Manuskript befand sich damals bei der R. Wagnerschen Kunst- und Verlagshandlung in Berlin). Kurth erklärte, angeblich habe man die Schrift vor Menzels Tod nicht veröffentlichen dürfen und zitierte abschließend den aus Dresden stammenden ersten Direktor der Berliner Nationalgalerie Max Jordan (1837-1906), der über das Blatt meinte: „Es gehört zu den edelsten Zeugnissen evangelischer Frömmigkeit, welche jene Zeit aufzuweisen hat.“ Im Werkverzeichnis der Menzelschen Druckgraphik, veröffentlicht 1923 vom Berliner Kunsthistoriker Elfried Bock (1876-1933), wurde Menzels Text leicht gekürzt der Lithographie zugeordnet. Der ebenfalls in Berlin tätige Kunsthistoriker Gisold Lammel (1942-2001) brachte 1995 die kurze Bildschreibung in einem verdienstvollen Buch unter, das viele verstreute, oft nur schwer zugängliche Schriften Menzels vereint. Zuletzt war die "Auseinandersetzung" 2009 mit der Ausgabe des Menzel-Briefwechsels zugänglich; das Manuskript aber war bis 1964 im Berliner Autographenhandel und ist seit 1980 im Besitz der Staatsbibliothek Berlin (Sammlung Herbert Adam, NL 141, K 113).

(LITERATURNACHWEISE: Elfried Bock: Adolph Menzel. Verzeichnis seines graphischen Werkes, Berlin 1923, S. 135-136, Nr. 193 mit Abbildung der Lithographie # http://www.deutsche-biographie.de/sfz11730.html [6.5.2015] # Adolf Schöll: Vater unser. Eine Betrachtung nach A. Menzels Zeichnung, Berlin 1838, Verlag von L. Sachse u. Comp. # http://de.wikisource.org/wiki/ADB:Schöll,_Adolph [6.5.2015] # Sibylle Ehringhaus: Adolph Menzel in Weimar, Köln/Weimar/Wien 1999, S. 98-100 # Adolf Menzel und sein Vaterunser, in: Der Reichsbote, Nr. 82, 6.4.1905 # Julius Kurth: Adolph Menzel und sein Vaterunser, mit einer Tafel und dem Facsimile des Menzelsbriefes, Berlin 1905 # http://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Kurth [6.5.2015] # Max Jordan: Das Werk Adolph Menzels. Eine Festgabe zum achtzigsten Geburtstage des Künstlers, München 1895, Zitat S. 10 # Gisold Lammel: Adolph Menzel. Schriften und Aufzeichnungen, Münster/Hamburg 1995, S. 5-7, Anmerkung S. 80-81 # Adolph Menzel. Briefe, herausgegeben und bearbeitet von Kerstin Bütow, Claude Keisch, Brita Reichert u.a., Berlin München 2009, Band 1, S. 93-95, Nr. 22, S. 97-98, Nr. 27, Anmerkungen S. 355-356, Briefzitat Band 3, S. 1009, Nr. 1355.       Menzels Text ist hier wiedergegeben nach dem Faksimile bei: Kurth 1905.)


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Adolph Menzel: Zu den "Denkwürdigkeiten aus der Brandenburgisch-Preussischen Geschichte" von 1834-1836. Geschrieben 18792

„Gegenwärtiges Werk „Denkwürdigkeiten aus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte“ (12 Blätter) habe ich unmittelbar nachdem von mir zu Ende 1833 ein Heft kleiner Compositionen, mit der Feder auf Stein gezeichnet „Künstler’s Erdenwallen“ benannt, (als selbständiges Product für die Öffentlichkeit mein Erstling) erschienen war, zu Anfang 1834 begonnen.

Bis zum Herbst desselben Jahres beendigte ich die ersten 4 Blätter, diese waren: (ausser dem Titelumschlag) Vicelin, predigend vor den Wenden. Die Erstürmung der Veste Brennabor (Brandenburg). Die Belehnung Friedrich des I von Hohenzollern mit der Mark Brandenburg. Die erste Abendmahlsfeier Kurfürst Joachim II (Übertritt zum Luthertum).

Und es erschienen dann auch dieselben auf der großen Herbst-Ausstellung von 1834. Von da ab bis in den Sommer von 35: die Erbhuldigung der Preussischen Landstände an den Gr: Kurfürsten. Die Schlacht bei Fehrbellin. Die Salbung Friedrich des III. zum Ersten König von Preussen (Friedrich I.). Der Einzug der Salzburger Protestanten. Die Schlacht von Molwitz. Friedrich d. Grosse vor der Schlacht bei Leuthen. Womit das Jahr 35 zu Ende ging.

Im Sommer des Jahres 1836 endlich kam ich zum Abschluß mit den beiden letzten Blättern: Die Freiwilligen (1813). Und „Viktoria!“

Diese sämtlichen Blätter habe ich nach mehr oder weniger ausführlichen Skizzen (auf weissem oder getöntem Papier theils in Blei, teils in Tusche oder etwas Feder) auf den Stein gezeichnet, erst auf diesem vollendet, oft noch stellenweise geändert, oder wie namentlich auf späteren zum Theil umkomponirt.

Diese Blätter, heute, und darauf angesehen, dass es ja nicht Copien von zweiter Hand nach Originalen, sondern von a bis z Originale selbst sind, können wie sie da sind, in ihrer Zeichnungs-Manier kaum noch begriffen werden. Die lithographische Kreide-Technik, in Künstlerhand so energisch elastisch, ausgiebig für rasches unmittelbares Arbeiten mehr als Federzeichnen und weit mehr als Radiren, hat sich gleichwohl unter dem Druck des damaligen allgemeinen Geschmacks, resp. der Geneigtheit jedes ungebildeten Publikums, was glatt ist als schön zu geniessen, für den künstlerischen Ausdruck in ein schweres oft tödtliches Hinderniss verkehren müssen. 

Dazu kam noch wie unsicher die Kunst des Druckens war. Nur „kunstgerecht“ gezeichnete Platte – der Grain fleckenlos, Perle an Perle – lieferten andauernd gute Drucke. Für den Kunsthandel also Erste condition. Für die Kunst ein Zerren durch’s Nadelöhr. – Siehe diese Jugendarbeit. – Und sie ist das auch noch in einem anderen Sinne. Die Anfänge einer Archäologie des Mittelalters waren ums Jahr 30 längst im Gange, Forschungsresultate müssen schon vorhanden gewesen sein; aber unter den Gebildeten, selbst Wissenschaftlichen, wenig herumgedrungen. „Darüber existiert nichts.“ „Das weiss man nicht“ war weit das häufigste Echo meines Umthuns z. B. nach Spuren der Wendenzeit und auch Späteres. Für einen Achtzehnjährigen aber, in seiner Glaubensfreudigkeit, so unerfahren als feuereifrig gab es zwischen Scharteke und Geschichtsquelle keine abschreckend tiefe Kluft. – Dr: Gottl: Friedländer damals Custos an der Königl: Bibliothek am Opernplatz, vom Verleger L. Sachse & Co., (damals wohl der unternehmendsten Firma) für den begleitenden historischen Text gewonnen, erschloss mir mit entgegenkommender Bereitwilligkeit die Schätze und Nichtschätze dieses Emporiums. 

So habe ich denn hinfort manch liebe Tage aller vier Jahreszeiten das Berliner Pflaster gestampft nach dort und in die Läden und zugigen Hausflure der Büchertrödler. Und Tröster wie „Buchholz Geschichte der Mark Brandenburg“ (aus den 60erJahren des vorigen Jahrhunderts) „Rentsch Brandenburgischer Cederhain“ u. a. des Schlages; und aber was mich über Alles interessirte: für die Erscheinung der Menschen und Sachen die Trachtenbücher: Hans Weigel Nürnberg 1577, Caspar Ruts 1588, Feyerabends Wappenbuch u. v. a., gute und schlechte Portraits; aber für die spätere Epoche – Daniel Chodowiecki! – und die militärischen Kenntnisse des Schlachtenmalers Ludw: Elsholtz. Ferner die Waffen- und Antiquitäten-Sammlung des Jagden=Malers Carl Schultz, sowie dessen auf früheren Reisen gewonnene für jene Zeit nicht unbedeutende Kenntnisse, und endlich auch die „Rüstkammer“ des Domküsters (Schilling!) – dieses Alles und noch Manches, das aus dem Munde alter Leute in der Luft umherflog, - ward der Bronnen mit dessen Wassern ich hier gekocht habe. Das Kupferwerk des Franzosen Bonnard über Kleidertrachten Amts= und Standeskostüme des Mittelalters u. der Frührenaissance, geforscht und excerpirt aus den gleichzeitigen Kunstwerken; aus welchem ich für die ersten 3 Blätter wichtige Orientirungen hätte gewinnen können, wurde mir leider erst bekannt, als jene erste Serie bereits erschienen, also von all den naiven Harmlosigkeiten nichts mehr ungeschehen zu machen war. 

Und die „Kritik“? Die war, das Haupt noch tief im Gewölk des Idealismus – ihre Ablasszettel lauteten auf „Schönheit“ – noch nicht durchweg entschieden, zu genehmigen, daß der Mensch nicht bloss handelt, oder aussteht, sondern auch a u s s i e h t, und dies so wenig gleichgültig als zufällig ist. Anstatt dem jungen Manne für künftig ernstliches Studium von Diesem und Jenen und vielem Anderen anzurathen, hat sie alle die tausend Verstösse der Unkenntnis etc: kaum gerügt. Sein wenigstens erkennbares Streben nach einiger Glaubhaftigkeit der Erscheinung mehr als eine Eigenheit aufgefasst, die eben mit dem Anfängerstadium eines Talents zusammenhänge; dahin auch das mancherlei Uebertriebene (!) im Ausdruck zu rechnen sei. U.s.w.  U.s.w.  So war es, und so blieb es noch lange.

Berlin Juli 1879 Adolph Menzel.

Zum Geschenk erhalten von Herrn Senator Dr. Carl Egger … da ich von dieser meiner Jugendarbeit kein Exemplar mehr eigen besass. Ich hatte alle meine Freiexemplare schon in den dreissiger Jahren nach allen Seiten verschenkt. (War recht unnöthig.) Obgleich das Werk in seiner Zeit keinen sonderlichen Erfolg machte, so war es doch im Lauf langer Jahre aus dem Handel verschwunden und ziemlich selten geworden, so dass ich vergeblich einem hiesigen Kunsthändler lange Zeit hindurch den Auftrag gegeben hatte, es für mich bei vorkommender Gelegenheit zu kaufen. A. M.

2 Vgl. den Abdruck des Textes bei: Elfried Bock, Adolph Menzel. Verzeichnis seines graphischen Werkes, Berlin 1923.


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Adolph Menzel: Zu den Illustrationen für Heinrich von Kleists "Zerbrochnen Krug" von 1876/77. Geschrieben 18793 

Die Photographien der Original-Zeichnungen für die Illustrationen zum „Zerbrochnen Krug“

Gegenwärtiger Band enthält die Photographien sämmtlicher Original-Zeichnungendie ich für das Lustspiel von Heinrich v Kleist: „Der zerbrochene Krug“ ausgeführt habe. Dieselben existiren in Vollständigkeit hier allein. Die Negativplatten habe ich sofort vernichten lassen.
Begonnen habe ich damit im Spätherbst 1876, abgeschlossen habe ich im Sommer 1877.Da die Handlung im Stück sich in Holland abspielt, es mir also für meine Darstellungen um den Wirklichkeitseindruck von Land und Menschen zu thun sein musste so wurde für mich hieraus der nächste drängende Anstoss, meinen längst beabsichtigten Ausflug nach Holland endlich auszuführen. Am 12ten October /76 früh reiste ich ab – war Abend in Amsterdam.Nach Marken war wegen Windstille nicht zu gelangen. Weiter habe ich dann noch gesehen: Haarlem, Den Haag (inclusive Scheveningen), Rotterdam, und Utrecht, in dessen ländliche Umgegend, als den eigentlichen Schauplatz für meine Aufgabe ich dann noch Wanderungen gemacht habe. Am 26ten October Nachmittags reiste ich hier von dort ab, und kam am 27ten heim.
Ausserdem was die Schätze der Museen, der Privatsammlungen, die Phÿsiognomie der Städte mit dem nicht mehr sehr vielen Erhalten-gebliebenen aus den alten Glanzzeiten mich festhielten – denn auch dort hat der Vandale zusammen mit den Zeiten der Noth gehaust – – z. B. um nur der Kirchen zu erwähnen – wie müssen diese gewesen sein! – sie sind meist trostlos ausgeleert. Die Grabmäler ihrer Seehelden (in der Regel stattlich) oft das Einzige des Ansehens werthe etc: etc: ausserdem wie gesagt hatte ich an Notizen über Alles meinen nächsten Zweck angehende ausreichend gesammelt. –
Das neuerlich in Aufnahme gekommene Verfahren, die Zeichnung auf weisses Papier auszuführen und durch Photographie auf das Holz zu übertragen, wodurch die sonst durch das Schneiden sich vollziehende Vernichtung der Original-Zeichnung vermieden wird, habe ich versuchsweise bei 9 derselben angewendet.
Es sind diejenigen: zum Kopf- und Schlussstück des 1ten Auftritts, des 2ten, 3ten, 4ten und Kopfstück des 7ten Auftritts. Es stellte sich aber heraus dass die Uebertragung auf dem Holz durchweg sehr sehr matt auszufallen pflegt, und hieraus für den Holzschneider Erschwerung und Unsicherheiten resultiren müssen, die durch die Anschauensmöglichkeit des freilich erhalten gebliebenen Original‘s nicht immer Abhülfe finden können. Ich kehrte daher für die übrigen zu meinem alten Verfahren, unmittelbar auf das Holz zu zeichnen zurück.

Betheiligt an der Schneidearbeit sind: in Berlin nur Prof: Albert Vogel, (der Einzignochlebende von der Anzahl Schneidekünstler, die seit 30-40 Jahren 1838 meine Zeichnungen zum „Friedrichburch“, den Werken Friedrichs d. Gr., den „Kriegshelden“ etc: etc: geschnitten haben), und Lütke. Von Auswärtigen die Anstalten von: Kaeseberg in Leipzig, Hecht u. Walla in München, u. Brendamour in Düsseldorff. Die Originale zu den 4 photogr: Blättern habe ich auf weissen Karton in Gouache-Grisaille ausgeführt.

Berlin im Mai 1879. Adolph Menzel.

Die Photographien und die Handdrucke der Holzschnitt- Illustrationen zum „ Der Zerbrochenen Krug“

Dieser Band enthält Handdrucke (epr: d’Art.) meiner sämmtlichen Compositionen, die ich für die Säcularfest-Ausgabe von Heinr. v Kleist’s Lustspiel „der zerbr: Krug“ in Holz geschnitten worden sind; und zugleich die photogr: Copien der vier dazu gehörigen Compositionen in Tuschzeichnung.
Probedrucke dieser Holzschnitte, vor der Correctur, und auch solcher, auf denen ich meine Correctur-Notizen vermerkt hatte, habe ich, so viele deren noch aufzufinden waren, dem betreffenden Bilde gegenüber anheften lassen. Ein Gleiches ist geschehen bei denjenigen Photographien, an deren Originalen ich nachträglich noch Varianten vorgenommen hatte.
Bei neun Compositionen habe ich versuchsweise das neue Verfahren angewandt, die Zeichnung, behufs Uebertragung auf das Holz durch Photographie, auf weisses Papier auszuführen; und ist hierüber, wo dies geschehen bei jedem Stück ein besonderer Vermerk angefügt.
Zwei Uebelstände jedoch, welche hiedurch herbeigeführt wurden: die Schwäche des Tons, in dem die Zeichnung auf dem Holze erschien – äusserst erschwerend für den schneidenden Künstler – und wie es auch heisst, eine nachtheilige Einwirkung der zugleich chemischen Procedur auf das Holz veranlassten mich zur Rückkehr zum altgewohnten Zeichnen unmittelbar auf das Holz; zumeist mit Bleistift, Einiges auch mit Feder, überhaupt aber mit Zuhilfenahme des Tuschens weil diesesmal der „Tonschnitt“ angewandt werden musste, zunächst aus zeitökonomischen Rücksichten, denn schon als Jubelausgabe (abgesehen von Sonstigem) war das Werk an einen Termin des Erscheinens gebunden.

Berlin im November 1879. Adolph Menzel.

Vgl. die Abdrucke dieser Texte bei:  Elfried Bock, Adolph Menzel. Verzeichnis seines graphischen Werkes, Berlin 1923, und bei: Gisold Lammel, Adolph Menzel. Schriften und Aufzeichnungen, Münster/Hamburg 1995.